Das Standort-Expansions-Framework: Wie Du Großinvestitionen in der Gastronomie strategisch planst
Veröffentlicht am: 20.02.2026
Eine siebenstellige Investition in einen neuen Standort ist kein Impuls – es ist das Ergebnis eines durchdachten Expansionsplans. Während die meisten Gastronomen von Wachstum träumen, scheitern viele an der fehlenden Systematik. Dieser Guide zeigt Dir das mentale Modell, mit dem erfolgreiche Gastro-Unternehmen Standortentscheidungen treffen – von der Standortanalyse bis zur Finanzierungsstruktur.

Hinweis zur Einordnung
Disclaimer: Dieser Artikel enthält keine verifizierten Zahlen aus konkreten Investitionsprojekten. Alle Kalkulationsbeispiele sind hypothetische Annahmen zur Veranschaulichung der Methodik. Die tatsächlichen Kosten, Renditen und Amortisationszeiträume variieren stark je nach Standort, Konzept und Marktbedingungen.
Die Situation: Expansion als strategischer Hebel
Wenn etablierte Gastronomiebetriebe in neue Standorte investieren, senden sie ein Signal: Das Geschäftsmodell funktioniert reproduzierbar. Doch zwischen "das Restaurant läuft gut" und "wir expandieren" liegt ein komplexer Entscheidungsprozess, den viele unterschätzen.
Die Herausforderung: Expansion bindet nicht nur Kapital, sondern auch Management-Kapazität, Markenreputation und operative Ressourcen. Ein fehlgeschlagener Zweitstandort kann das Stammhaus gefährden.
Das SCALE-Framework für Gastro-Expansion
Erfolgreiche Expansionen folgen einem systematischen Ansatz, den ich das SCALE-Framework nenne:
S – Standort-Due-Diligence
Die Standortwahl ist die irreversibleste Entscheidung. Einmal unterschrieben, bindest Du Dich für Jahre.
Die 3 Ebenen der Standortanalyse:
1. Makro-Ebene: Ist die Stadt/Region im Wachstum? Wie entwickelt sich die Kaufkraft?
2. Mikro-Ebene: Fußgängerfrequenz, Sichtbarkeit, Parkplätze, ÖPNV-Anbindung
3. Wettbewerbs-Ebene: Welche Konzepte gibt es bereits? Gibt es eine Lücke?
Kritische Frage: Würdest Du an diesem Standort neu gründen – oder expandierst Du nur, weil das Objekt verfügbar ist?
C – Capital Structure (Finanzierungsstruktur)
Die Kunst liegt nicht darin, ob Du finanzierst, sondern wie.
Die Finanzierungs-Matrix:
Eigenkapital: Vorteil: Volle Kontrolle, Risiko: Liquiditätsbindung
Bankkredit: Vorteil: Steuerlich absetzbar, Risiko: Sicherheiten nötig
Investoren: Vorteil: Kapital + Know-how, Risiko: Mitsprache, Anteile
Mietkauf/Leasing: Vorteil: Schonung Eigenkapital, Risiko: Höhere Gesamtkosten
Die Faustformel für gesunde Expansion:
Dein Stammhaus sollte die Anfangsverluste des neuen Standorts für 12-18 Monate kompensieren können – ohne selbst in Schieflage zu geraten.
A – Aufbauorganisation
Der häufigste Fehler: Der Inhaber will alles selbst machen.
Das Delegations-Dilemma:
Ohne Dich vor Ort: Qualität leidet
Mit Dir vor Ort: Stammhaus leidet
Die Lösung: Vor der Expansion muss Dein Stammhaus ohne Dich funktionieren. Das bedeutet:
Dokumentierte Prozesse (nicht nur im Kopf)
Eine zweite Führungsebene mit Entscheidungskompetenz
Klare KPIs, die Du remote überwachen kannst
L – Launch-Strategie
Die ersten 90 Tage entscheiden über den langfristigen Erfolg.
Die 3-Phasen-Eröffnung:
1. Soft Opening (Woche 1-2): Nur für Mitarbeiter, Familie, Stammgäste. Feedback sammeln, Prozesse testen.
2. Friends & Family (Woche 3-4): Erweiterter Kreis, erste lokale Multiplikatoren.
3. Grand Opening (Woche 5+): Volle Marketingpower, PR, Events.
E – Exit-Szenarien
Klingt pessimistisch, ist aber professionell: Vor jeder Großinvestition definierst Du die Ausstiegs-Trigger.
Wann ziehst Du die Reißleine?
Nach X Monaten unter Break-even?
Bei Unterschreitung welcher Umsatzschwelle?
Wenn die Belastung des Stammhauses Y übersteigt?
Diese Szenarien vorher zu definieren, verhindert emotionale Entscheidungen im Krisenmodus.
Die Logik hinter der Investitionskalkulation
Wenn Medien über "1,7 Mio. Euro Investition" berichten, ist das eine Zahl ohne Kontext. Verstehe die Struktur dahinter:
Typische Kostenblöcke einer Neueröffnung:
1. Immobilie/Miete
Kaution (meist 3-6 Monatsmieten)
Maklercourtage
Umbau-/Renovierungskosten
2. Ausstattung
Küchentechnik
Mobiliar
Geschirr, Besteck, Textilien
Kassensystem, Technik
3. Anlaufkosten
Personal (Schulung + Puffer)
Marketing zur Eröffnung
Warenbestand
Betriebskosten der ersten Monate
4. Unvorhergesehenes
Erfahrene Gastronomen kalkulieren einen spürbaren Puffer ein
Rechenbeispiel (hypothetisch):
Angenommen, ein Restaurant plant mit folgenden Dummy-Werten:
Monatliche Zielmiete: 5.000 €
Geplante Sitzplätze: 80
Angestrebter Umsatz pro Sitzplatz/Monat: 500 €
Dann ergibt sich ein Ziel-Monatsumsatz von 40.000 €. Bei einer branchenüblichen Mietquote von 8-10% vom Umsatz wäre die Miete im Rahmen. Die Gesamtinvestition sollte sich – je nach Konzept – innerhalb eines plausiblen Zeitraums amortisieren. Die genaue Dauer hängt von Faktoren wie Standort, Konzept und Marktumfeld ab.
Die entscheidende Frage: Nicht "Was kostet es?" sondern "Ab wann verdient es Geld?"

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Deine Expansions-Readiness-Checkliste
Bevor Du auch nur einen Makler kontaktierst, beantworte diese Fragen ehrlich:
Phase 1: Stammhaus-Check
[ ] Läuft Dein aktuelles Restaurant profitabel – nicht nur umsatzstark?
[ ] Funktioniert der Betrieb mindestens 2 Wochen ohne Deine tägliche Präsenz?
[ ] Hast Du eine dokumentierte Prozesslandschaft (Rezepturen, Abläufe, Standards)?
[ ] Gibt es eine zweite Führungsperson, die Entscheidungen treffen kann?
[ ] Sind Deine Liquiditätsreserven ausreichend für Unvorhergesehenes?
Phase 2: Markt-Check
[ ] Hast Du den Zielmarkt persönlich besucht – zu verschiedenen Tageszeiten?
[ ] Kennst Du die lokale Wettbewerbslandschaft?
[ ] Gibt es eine nachweisbare Nachfrage für Dein Konzept (nicht nur Hoffnung)?
[ ] Hast Du mit lokalen Gastronomen gesprochen?
[ ] Verstehst Du die lokalen Besonderheiten (Kaufkraft, Essgewohnheiten, Events)?
Phase 3: Finanz-Check
[ ] Hast Du eine detaillierte Investitionsplanung erstellt?
[ ] Kennst Du Deinen Break-even-Point (Umsatz, ab dem Du Gewinn machst)?
[ ] Ist Deine Finanzierungsstruktur geklärt (Eigen-/Fremdkapital-Mix)?
[ ] Hast Du Worst-Case-Szenarien durchgerechnet?
[ ] Sind Deine Exit-Trigger definiert?
Phase 4: Operations-Check
[ ] Hast Du einen realistischen Zeitplan für Umbau und Eröffnung?
[ ] Ist Dein Recruiting-Plan fertig (Wie findest Du lokales Personal)?
[ ] Steht Dein Lieferanten-Netzwerk für den neuen Standort?
[ ] Hast Du eine Launch-Strategie mit klaren Meilensteinen?
[ ] Ist Dein Marketing-Budget für die ersten 6 Monate eingeplant?
Die 5 häufigsten Expansions-Fehler
1. Opportunismus statt Strategie
"Das Objekt war einfach zu gut" ist keine Strategie. Viele Gastronomen expandieren, weil sich eine Gelegenheit bietet – nicht weil sie bereit sind.
2. Unterschätzung der Management-Kapazität
Zwei Standorte bedeuten nicht doppelt so viel Arbeit, sondern exponentiell mehr Komplexität. Kommunikation, Qualitätskontrolle, Personalführung – alles multipliziert sich.
3. Copy-Paste-Mentalität
"Was bei uns funktioniert, funktioniert überall" – ein gefährlicher Trugschluss. Jeder Standort hat eigene Dynamiken, Gästeerwartungen und Wettbewerbssituationen.
4. Zu dünne Kapitaldecke
Anlaufverluste dauern fast immer länger als geplant. Wer mit spitzer Feder kalkuliert, gerät bei der ersten Verzögerung in Schieflage.
5. Fehlende Exit-Strategie
Niemand plant gerne das Scheitern. Aber ohne vorher definierte Ausstiegskriterien hältst Du zu lange an verlustbringenden Standorten fest.
Sofort-Maßnahmen für diese Woche
Wenn Du über Expansion nachdenkst:
1. Montag: Erstelle eine ehrliche SWOT-Analyse Deines Stammhauses
2. Dienstag: Berechne, wie viele Monate Anlaufverlust Dein Stammhaus tragen könnte
3. Mittwoch: Liste alle Prozesse auf, die nur in Deinem Kopf existieren
4. Donnerstag: Identifiziere potenzielle Führungskräfte in Deinem Team
5. Freitag: Definiere Deine 3 wichtigsten Expansions-Kriterien
Das Fazit: Expansion ist ein System, kein Event
Eine Millionen-Investition in einen neuen Standort ist der sichtbare Teil eines unsichtbaren Eisbergs. Darunter liegen Monate der Vorbereitung, Analyse und Entscheidungsfindung.
Das SCALE-Framework gibt Dir eine Struktur für diesen Prozess:
Standort-Due-Diligence
Capital Structure
Aufbauorganisation
Launch-Strategie
Exit-Szenarien
Expansion ist kein Beweis für Erfolg – sie ist ein Test, ob Dein Erfolg reproduzierbar ist. Bestehe ihn mit System, nicht mit Bauchgefühl.

Andreas Berghammer
Gründer & Fullstack Developer
Hinter Chefplatz steht kein gesichtsloses Konzern-Team, sondern Andreas Berghammer. Als erfahrener Unternehmensberater und leidenschaftlicher Software-Entwickler verbindet er zwei Welten, die viel zu selten miteinander sprechen: Strategische Business-Expertise und tiefgreifendes technisches Verständnis. Er entwickelt skalierbare Webanwendungen, die darauf ausgelegt sind, echte Probleme zu lösen.



