Das Plattform-Prinzip: Warum Gastronomen jetzt ihre Tech-Strategie überdenken müssen
Veröffentlicht am: 31.01.2026
Eine Finanzierungsrunde von 300 Millionen US-Dollar für einen Hospitality-Tech-Anbieter ist mehr als eine Schlagzeile – es ist ein Signal. Ein Signal, das zeigt, wohin die Branche steuert und welche Betriebe in fünf Jahren noch relevant sein werden. Doch während große Hotelketten bereits auf integrierte Plattformen setzen, stehen viele Gastronomen vor einem Flickenteppich aus Insellösungen. Die eigentliche Frage ist nicht, ob du digitalisierst – sondern wie du die richtigen Entscheidungen triffst, bevor der Markt sie für dich trifft.

Hinweis zur Einordnung
Dieser Artikel enthält keine verifizierten Finanzdaten des genannten Unternehmens. Stattdessen nutzen wir den Anlass, um ein strategisches Framework für Tech-Entscheidungen in der Gastronomie zu entwickeln. Alle Rechenbeispiele sind hypothetische Szenarien zur Illustration der Logik – keine Branchenstatistiken.
Was die Investoren sehen, was du sehen solltest
Wenn Risikokapitalgeber 300 Millionen US-Dollar in eine Hospitality-Plattform investieren, wetten sie nicht auf ein Produkt – sie wetten auf eine Marktverschiebung. Die These dahinter: Fragmentierte Software-Landschaften in Hotels und Restaurants werden durch integrierte Ökosysteme ersetzt. Wer heute noch mit fünf verschiedenen Systemen arbeitet, die nicht miteinander sprechen, verliert morgen an Effizienz, Datenqualität und letztlich an Marge.
Für dich als Gastronom bedeutet das: Die Spielregeln ändern sich. Nicht sofort, nicht dramatisch – aber stetig. Und die Betriebe, die jetzt ihre Tech-Architektur verstehen und bewusst gestalten, werden in drei bis fünf Jahren erhebliche Wettbewerbsvorteile haben.
Das Plattform-Prinzip: Ein Framework für Tech-Entscheidungen
Um in diesem Umfeld kluge Entscheidungen zu treffen, brauchst du ein mentales Modell. Ich nenne es das Plattform-Prinzip – drei Ebenen, die du verstehen musst:
Ebene 1: Der Datenkern
Jede Tech-Entscheidung in deinem Betrieb erzeugt Daten. Die Frage ist: Fließen diese Daten zusammen oder versickern sie in Silos?
Das Silo-Problem:
Dein Kassensystem kennt die Umsätze pro Gericht
Dein Reservierungssystem kennt die Auslastung pro Zeitfenster
Dein Warenwirtschaftssystem kennt die Einkaufspreise
Aber weiß dein Betrieb, welches Gericht zu welcher Uhrzeit den höchsten Deckungsbeitrag hat – und ob die Gäste, die es bestellen, Stammgäste oder Laufkundschaft sind?
Genau diese Verknüpfung ist der Datenkern. Plattform-Lösungen versprechen, diese Silos aufzubrechen. Aber – und das ist entscheidend – du brauchst nicht zwingend eine Plattform. Du brauchst Schnittstellen.
Ebene 2: Die Schnittstellen-Logik
Die teuerste Entscheidung, die du treffen kannst, ist die Wahl eines Systems ohne offene API (Programmierschnittstelle). Warum? Weil du dich einschließt.
Die Faustregel: Jedes System, das du einführst, muss mit mindestens zwei anderen Systemen kommunizieren können – idealerweise bidirektional.
Ein Beispiel: Dein Reservierungssystem sollte nicht nur Buchungen annehmen, sondern auch:
Gästedaten ans CRM senden (für personalisierte Kommunikation)
Auslastungsdaten ans Kassensystem senden (für dynamische Preisgestaltung)
Feedback-Daten zurückerhalten (für Serviceoptimierung)
Wenn ein Anbieter keine API anbietet oder diese nur gegen Aufpreis freischaltet, ist das ein Warnsignal.
Ebene 3: Der Opportunitätskosten-Rahmen
Hier wird es strategisch. Die Frage ist nicht nur: Was kostet mich ein System? Sondern: Was kostet mich das Nicht-Haben eines integrierten Systems?
Die Logik der versteckten Kosten (ohne erfundene Zahlen)
Lass uns die Kalkulation aufschlüsseln – nicht mit konkreten Ergebnissen, sondern mit der Denkweise, die du auf deinen Betrieb anwenden kannst.
Kostenblock 1: Manuelle Datenübertragung
Die Formel:
Zeitaufwand pro Woche × Stundenlohn × 52 Wochen = Jährliche Kosten manueller Prozesse
Rechenbeispiel (hypothetisch):
Angenommen, dein Team verbringt 3 Stunden pro Woche damit, Daten zwischen Systemen manuell abzugleichen (Umsätze in Excel übertragen, Reservierungslisten ausdrucken, Bestellmengen händisch summieren).
Bei einem angenommenen Stundensatz von 20 Euro ergibt das:
3 × 20 × 52 = 3.120 Euro pro Jahr
Das ist Zeit, die nicht im Service, nicht in der Gästebetreuung, nicht in der Produktentwicklung steckt.
Kostenblock 2: Fehlentscheidungen durch Datenlücken
Dieser Block ist schwerer zu beziffern, aber potenziell der größte.
Die Logik:
Ohne verknüpfte Daten triffst du Entscheidungen auf Basis von Bauchgefühl statt Evidenz:
Du weißt nicht, welche Marketing-Aktion tatsächlich Reservierungen gebracht hat
Du weißt nicht, ob deine Preiserhöhung Gäste vertrieben oder die Marge verbessert hat
Du weißt nicht, ob dein neues Gericht die Zielgruppe anspricht oder nur Neugier weckt
Jede dieser Entscheidungen hat Konsequenzen. Die Summe dieser suboptimalen Entscheidungen über ein Jahr ist dein Opportunitätskostenberg.
Kostenblock 3: Wechselkosten (Lock-in)
Wenn du dich für ein geschlossenes System entscheidest, zahlst du zweimal:
1. Beim Einstieg (Implementierung, Schulung)
2. Beim Ausstieg (Datenmigration, erneute Schulung, Produktivitätsverlust)
Die Faustregel:
Je länger du mit einem System arbeitest, desto höher die Wechselkosten. Nach 3-5 Jahren kann ein Systemwechsel so teuer sein wie ein kleines Küchenequipment-Upgrade.
Was bedeutet das für deine Strategie?
Die Mews-Finanzierung zeigt, dass große Investoren auf Konsolidierung setzen – auf wenige, mächtige Plattformen, die viele Funktionen bündeln. Das ist für Hotelketten attraktiv, aber für einen einzelnen Gastronomen nicht automatisch die beste Lösung.
Dein strategisches Entscheidungsfeld:
All-in-One-Plattform: Vorteil: Nahtlose Integration, ein Ansprechpartner, Risiko: Abhängigkeit, potenzieller Feature-Overkill
Best-of-Breed (Speziallösungen): Vorteil: Jedes Tool ist Klassenbester, Risiko: Integrationsaufwand, Schnittstellenpflege
Hybrid (Kern + Spezialisten): Vorteil: Flexibilität mit stabilem Fundament, Risiko: Komplexität in der Orchestrierung
Für die meisten mittelständischen Gastronomiebetriebe empfiehlt sich der Hybrid-Ansatz: Ein stabiles Kernsystem (meist Kasse + Warenwirtschaft) mit offenen Schnittstellen, ergänzt durch spezialisierte Tools für Reservierung, Marketing oder Personalplanung.
Die vier Fragen vor jeder Tech-Entscheidung
Bevor du das nächste System einführst oder einen Vertrag verlängerst, stelle dir diese vier Fragen:
1. Welche Daten erzeugt dieses System – und wohin fließen sie?
Wenn die Antwort "nur in dieses System" ist, hast du ein Silo.
2. Welche Schnittstellen sind vorhanden – und was kosten sie?
Viele Anbieter verstecken API-Zugang in Premium-Tarifen. Das solltest du vorher wissen.
3. Wie sieht der Exit aus?
Kannst du deine Daten exportieren? In welchem Format? Wie lange dauert eine Migration?
4. Wer profitiert von meinen Daten?
Manche Plattformen nutzen aggregierte Gastronomen-Daten für eigene Analysen oder verkaufen Insights an Dritte. Lies das Kleingedruckte.
Der KI-Faktor: Warum Integration jetzt wichtiger wird
Die erwähnte Finanzierungsrunde ist explizit mit KI-Entwicklung verknüpft. Das ist kein Zufall. Künstliche Intelligenz – ob für Umsatzprognosen, dynamische Preisgestaltung oder automatisierte Gästekommunikation – braucht Daten. Viele Daten. Verknüpfte Daten.
Ein isoliertes Reservierungssystem kann dir sagen, wie viele Gäste morgen kommen. Ein integriertes System kann dir sagen:
Wie viele Gäste kommen
Was sie wahrscheinlich bestellen
Wie viel Personal du brauchst
Welchen Wareneinsatz du einplanen solltest
Welche Stammgäste dabei sind, die besondere Aufmerksamkeit verdienen
Diese Vorhersagequalität ist der Unterschied zwischen reaktivem und proaktivem Betriebsmanagement. Und sie ist nur möglich, wenn deine Systeme miteinander sprechen.
Die Zeitachse: Wann ist der richtige Moment?
Viele Gastronomen schieben Tech-Entscheidungen auf. "Wenn die Saison vorbei ist." "Wenn wir mehr Geld haben." "Wenn das Team stabiler ist."
Die Realität: Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt. Aber es gibt falsche Zeitpunkte – nämlich dann, wenn du unter Druck handelst:
Das bestehende System wird abgekündigt
Ein kritischer Fehler zwingt zum Sofortwechsel
Ein Mitarbeiter, der das System verstand, verlässt den Betrieb
Die proaktive Alternative: Plane einen jährlichen Tech-Review ein. Nicht um zu wechseln, sondern um zu verstehen, wo du stehst. Welche Schnittstellen funktionieren? Welche Daten fehlen? Welche Entscheidungen triffst du immer noch aus dem Bauch?

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Deine Tech-Audit-Checkliste
Nutze diese Checkliste für deinen nächsten Tech-Review. Du brauchst dafür etwa 60-90 Minuten und idealerweise Zugang zu deinen aktuellen Systemverträgen.
Bestandsaufnahme (15 Min)
[ ] Liste alle digitalen Systeme auf, die du nutzt (Kasse, Reservierung, Warenwirtschaft, Buchhaltung, Dienstplanung, Marketing-Tools, Bewertungsplattformen)
[ ] Notiere für jedes System: Monatliche Kosten, Vertragslaufzeit, Kündigungsfrist
[ ] Markiere, welche Systeme miteinander verbunden sind (Datenfluss)
[ ] Identifiziere "Silo-Systeme" ohne Verbindung
Schnittstellen-Check (20 Min)
[ ] Prüfe für jedes System: Hat es eine offene API?
[ ] Falls ja: Ist die API im aktuellen Tarif enthalten oder Aufpreis?
[ ] Falls nein: Gibt es alternative Exportmöglichkeiten (CSV, Excel, automatisierte Reports)?
[ ] Dokumentiere, welche Verknüpfungen theoretisch möglich wären, aber nicht genutzt werden
Datenfluss-Analyse (15 Min)
[ ] Wo entstehen in deinem Betrieb täglich die wichtigsten Daten?
[ ] Wohin fließen diese Daten aktuell?
[ ] Welche Entscheidungen triffst du regelmäßig, für die du keine Datengrundlage hast?
[ ] Welche manuellen Übertragungen zwischen Systemen gibt es (Excel-Listen, händische Eingaben)?
Risiko-Assessment (15 Min)
[ ] Was passiert, wenn dein wichtigstes System morgen ausfällt?
[ ] Wo sind deine Daten gespeichert (lokal, Cloud, beides)?
[ ] Hast du regelmäßige Backups – und hast du sie jemals getestet?
[ ] Wie hoch wäre der Aufwand, dein Kernsystem zu wechseln? (Tage/Wochen/Monate)
Kosten-Logik-Check (15 Min)
[ ] Was zahlst du monatlich für alle Systeme zusammen?
[ ] Welche Systeme nutzt du aktiv, welche nur minimal?
[ ] Gibt es Überschneidungen (zwei Tools für ähnliche Funktionen)?
[ ] Schätze: Wie viele Stunden pro Woche verbringt dein Team mit systemübergreifenden manuellen Aufgaben?
Sofort-Maßnahmen nach dem Audit
Wenn du Silos findest:
1. Priorisiere nach Impact: Welche Verknüpfung würde den größten Nutzen bringen?
2. Recherchiere Integrationstools (z.B. Zapier, Make) als Brückenlösung
3. Kontaktiere deinen Anbieter: Oft gibt es Integrationsmöglichkeiten, die nicht beworben werden
Wenn du Redundanzen findest:
1. Evaluiere, welches System besser ist
2. Plane einen geordneten Ausstieg aus dem schwächeren System
3. Rechne die Ersparnis hoch – oft finanziert das ein besseres Kernsystem
Wenn du Datenlücken findest:
1. Frage dich: Würde diese Information meine Entscheidungen signifikant verbessern?
2. Falls ja: Gibt es ein System, das diese Daten bereits erfasst, aber nicht teilt?
3. Falls nein: Ist ein neues Tool wirklich nötig, oder reicht eine bessere Nutzung bestehender?
Die Verhandlungsposition stärken
Dein jährlicher Tech-Review hat einen Nebeneffekt: Er macht dich zu einem informierteren Verhandlungspartner. Wenn du weißt, was du brauchst und was du nicht brauchst, kannst du:
Bessere Tarife verhandeln ("Ich nutze Feature X nicht, warum zahle ich dafür?")
Schnittstellen einfordern ("Ich wechsle nur, wenn die API im Grundtarif ist")
Vertragslaufzeiten verkürzen (Flexibilität > kurzfristige Rabatte)
Exit-Klauseln sichern (Datenexport-Garantie vertraglich festhalten)
Drei konkrete nächste Schritte
Diese Woche:
Blockiere 90 Minuten für deinen ersten Tech-Audit. Nutze die Checkliste oben.
Diesen Monat:
Identifiziere dein größtes Silo und recherchiere eine Integrationslösung. Hol ein Angebot ein, auch wenn du nicht sofort handelst.
Dieses Quartal:
Führe ein Gespräch mit deinem wichtigsten Software-Anbieter. Frage nach der Produkt-Roadmap: Was kommt in den nächsten 12 Monaten? Welche Integrationen sind geplant? Wie steht es um KI-Features?
Schlusswort: Position, nicht Panik
300 Millionen Dollar für einen Tech-Anbieter sind ein Signal, aber keine Sirene. Du musst nicht morgen alles umstellen. Was du tun solltest: Verstehen, wo du stehst. Verstehen, wohin der Markt sich bewegt. Und dann – bewusst, strategisch, in deinem Tempo – die richtigen Entscheidungen treffen.
Die Betriebe, die in fünf Jahren florieren, sind nicht die mit dem neuesten Tech-Stack. Es sind die, die verstehen, wie ihre Systeme zusammenspielen – und diese Erkenntnis in bessere Entscheidungen, besseren Service und bessere Margen übersetzen.
Dein Tech-Audit ist der erste Schritt dahin.




